Krisen & KatastrophenErfahrungen bei und nach Banküberfällen

Erfahrungen bei und nach Banküberfällen

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Erfahrungen bei und nach Banküberfällen

»Ich habe keine Probleme.« Cordula schaut zur Seite, als sie den Rückblick auf den Überfall beendet hat. Als der Maskierte die Mini-Filiale betrat, habe sie sich in der Kasse befunden. Hinter dem Glas konnte ihr ja nichts passieren. Vor ihr in der Schalterhalle wird eine Kundin mit einer Pistole bedroht. Cordula kommt sich vor, als befände sie sich in einem Film. Sie hat das Gefühl, dass sie das alles nichts angehen würde. Das ändert sich auch nicht, als sie erkennt, dass die Kundin droht zusammenzubrechen. Übrigens: sie sei nur noch einmal in die Bank gekommen, was sie verstehen könne.

Als der Räuber die Bank verlassen hatte, bleibt sie wie angewurzelt auf dem Fleck stehen. Sie konnte sich weder bewegen nochirgend etwas tun. Sie spürt ein Gefühl der Leere. Das ändert sich, als ihr Kollege sie anspricht. Das weiß sie noch genau: Ihre Hände werden feucht und beginnen zu zittern.

Sehr schnell erscheint ein Herr vom Vorstand und fragt, wieviel Geld weg sei. Da Cordula ihm die Summe nicht nennen kann, soll sie die Kasse aufnehmen. »Das fand ich grausam.« Bald wird sie von der Frage unterbrochen: »Wie weit seid ihr?« Sie hatte das Zählen unterbrochen, um sich mit der Kundin zu beschäftigen, der vor wenigen Minuten die Pistole an den Kopf gehalten wurde. Sprachlos beginnt sie irgendwann Kaffe zu kochen. »Wie hätte ich reagieren müssen, um mich selbst besser zu fühlen?«

Dann erscheint die Polizei auf der Bildfläche. »Nicht miteinander reden.« sagt der Beamte zu ihr und dem Kollegen. Doch sie hält sich nicht dran, weil sie nicht aufhören kann zu reden. Die Täterbeschreibung gelang ihr mehr oder weniger gut. Der Kollege kommt ihr sehr ruhig vor. Sie fragt sich, ob der besser reagiert, weil er ein Mann ist; sie hätte sich wahrscheinlich wieder einmal nur blöd angestellt.

Kurz danach kommt Cordulas Mann in die Bank. »Er machte einen nervösen Eindruck. Bestimmt war er unruhig und unsicher, weil er wohl vor seinen Kollegen nicht zugeben wollte, was in ihm abging.« Den Gesprächsteilnehmern dämmert. dass er wohl auch Polizist sein muss. »Wie geht's dir?« Cordula jetzt im Kreis der Mitbetroffenen: »Natürlich ging mir's gut.« Nein, in den Arm wollte sie von ihrem Mann nicht genommen werden, entgegnet sie auf die Frage aus der Runde.

Gisela fühlte sich den Tätern alleine ausgeliefert. Die anderen Kollegen und Kolleginnen blieben oben, als sie nach unten in den Tresorraum gehen musste. Als die Täter sie aufforderten, auch den zweiten Tresor aufzuschließen und sie den Schlüssel nicht hatte, steigerten sich ihre Ohnmachts- und Todesangstgefühle. »Ich werde nie vergessen, dass ich in dem Moment meine Mutter und meinen Mann in einer Grube stehend sah. Die sah wie ein Grab aus.«

Zweigstellenleiter Gerhard macht das gleiche, was er immer macht, wenn ein Kunde zu ihm ins Zimmer kommt: Er steht hinter seinem Schreibtisch auf und bietet ihm einen von den bequemen Sesseln an, die sich in dem gediegen eingerichteten Raum befinden. Was er für ihn tun kann, lautet die Frage, als beide Patz genommen haben. Der gepflegt aussehende Mann Anfang Dreissig möchte ein Konto eröffnen. Auf die Frage, ob es sich um ein privates oder geschäftliches handeln soll, öffnet der Kunde seinen Koffer. Dann ganz ruhig: »Das ist ein Banküberfall.« Dabei holt er eine Pistole heraus und bedroht den Zweigstellenleiter. Mit der freien Hand holt er einen Kasten aus seinem Koffer. »Das ist eine Bombe. Sie ist auf drei Minuten eingestellt.« Gerhard fühlt sich wie in einer gewaltigen Welle, die ihn durch das Wasser wirbelt. Er sieht nichts mehr, hat keinen Boden unter den Füssen, weiß nicht mehr wo oben und unten ist. »in dem Moment wusste ich, was Todesangst ist.« Im Kopf fühlt er sich leer. Im Brustbereich fühlt er beklemmende Herzschmerzen.

Als er die Größe des Pistolenlaufs beschreibt, geben seine Hände einen Durchmesser von 20 cm an. »Ehrlich gesagt: Ich habe nur den Lauf der Pistole gesehen. Der kam mir vor wie ein gähnender Abgrund.« Später fordert ihn die Polizei auf, Täter und Pistole genau zu beschreiben. Als er zögert, hakt der Beamte nach: »Aber Sie haben sie doch vor 30 Minuten noch gesehen«. Er kann kein Bild beschreiben, obwohl er den Täter vor sich sieht. Um sich nicht zu blamieren, schildert er Mann und Pistole. »Na sehen Sie, es geht doch.« Doch Gerhard hat Angst, dass man ihm, wenn man den Täter ermitteln kann, seine »falschen« Aussagen bei Gericht vorhalten wird.

Die anderen sechs Mitarbeiter bekommen von dem Überfall praktisch nichts mit. Schließlich holt eine Kollegin auf Gerhards dringliche Aufforderung Geld. Dem Täter ist das nicht genug. Sie wird vom Zweigstellenleiter aufgefordert, noch einmal mit dem Tresorschlüssel zurückgehen, um weitere Scheine herbeizuschaffen. Gerhard muss den Täter nach draußen begleiten. Er fragt sich, ob das der Beginn einer Geiselnahme ist. Wieder fühlt er die lähmende und würgende Todesangst.

Ein Herr vom Vorstand kommt bald nach dem Überfall in die Bank, nachdem Minuten vorher zwei Angehörige der Revisionsabteilung mit ihrer Arbeit begonnen hatten. »Zum Glück ist ja nichts passiert«, stellt er mit unüberhörbarer Erleichterung in der Stimme fest. »Aber jetzt rufen Sie doch erst einmal Ihre Frau an.« Er staunt, wie ruhig er seine Frau in ihrer Firma anwählen kann. »Mach dir keine Sorgen, es ist nichts passiert. Am Abend erzähle ich dir alles.« Beim Abendessen skizziert er ihr den Ablauf des Ereignisses. Da er aber seine Frau nicht beunruhigen möchte, schaltet er auf ein anderes Thema um. »Nur als sie den Krimi sehen wollte, bat ich sie, ein anderes Programm zu wählen.« Bald fällt ihm ein, dass er noch mit dem Hund nach unten gehen müsse.

»Zum Glück ist nichts passiert«

Knapp eine Woche später bittet er den Personalchef, ihm drei Tage frei zu geben. Später gerne, doch jetzt ginge es nicht. Er, Gerhard, wisse doch selbst, dass sich die Bank auf eine wichtige Werbeveranstaltung vorbereitet. Da wird jeder gebraucht, ganz besonders aber er als Zweigstellenleiter. Im Übrigen solle er sich einmal überlegen, wie das auf seine Mitarbeiter wirken würde, wenn er jetzt Urlaub machen würde. Gerhard signalisiert Verständnis und ist froh, als das Gespräch beendet ist. »Dabei wissen die doch ganz genau, dass sich bei mir alles bis ins Privatleben hinein um die Bank dreht. Warum mache ich denn in allen möglichen Vereinen mit?« Er tröstet sich allmählich selbst mit der Erkenntnis: »Es ist ja nichts passiert, was willst du eigentlich?«

Kirsten lebt mit ihren zwei Schwestern auch nach ihrer Heirat in ihrem Elternhaus. Nach dreijähriger Ehe hatte sie sich von ihrem Mann getrennt. Auch er hatte den Abbruch ihrer Beziehung nicht verkraftet. Nach Wochen trafen sie sich eher zufällig. Nach einer Reihe von Gespräch beschlossen sie, wieder zusammenzuziehen. Dieter wollte seine Montage-Arbeit drangeben, um ihr auch in der Woche näher sein zu können. Um zu unterstreichen, wie ernst es ihm damit ist, hatte er sein altes Arbeitsverhältnis gekündigt. Am Morgen des Überfalls hatte er ein entscheidendes Vorstellungsgespräch, für das sie ihm alle Daumen drücken wollte. Kirsten hatte zwei Jahre zuvor einen Unfall erlebt. Mehrere Tage war nicht klar, ob sie querschnittgelähmt bleiben würde. Eine junge, farbige Mitpatientin, die bereits wusste, dass sie sich nie wieder würde bewegen können, bewahrte sie vor dem Suizid. Obwohl sie sich wieder bewegen kann, blieben irreparable Spätfolgen. Ihre Umwelt bekommt nur mit, dass sie keinen Sport mehr treiben kann. Über andere körperliche Beeinträchtigungen spricht sie nicht mit Außenstehenden. Angstvorstellungen plagen sie, doch bei einem Psychotherapeuten lernt sie, über ihre Ängste zu reden. Doch, sie freut sich, dass sie das jetzt kann.

Der Täter sieht sie zunächst nicht, denn sie konnte sich hinter einem Schreibtisch wegducken. Doch dann bedroht er sie doch mit seiner Waffe. Doch sie beschreibt ihren Zustand so: »Ich konnte mich in mich selbst zurückziehen.« Innerlich fühlt sie sich nicht bedroht. Doch sie empfindet sich als Marionette: »Hätte alles getan, was der Täter wollte.« Sie möchte dennoch stark sein. Ihr Wunsch in dem Moment: »Ich wollte die Augen des Täters sehen.« Da beginnen ihre Hände zu zittern. Sie reckt die kalten, wie abgestorben wirkenden Finger, nachdem die Täter gerade die Bank verlassen hatten, den hereinkommenden Kollegen entgegen. »Der Vorstand hat mich in Arm genommen. Da habe ich mich gut gefühlt.« Jetzt fällt ihr Dieter ein. Später wird sie erfahren, dass er sie in der Bank hatte anrufen wollen. »Tut mir leid, ich kann Sie nicht verbinden. Hier hat es gerade einen Überfall gegeben«, erfuhr er durch die Vermittlung. Gerade hatte man ihm erklärt, dass er die Arbeitsstelle nicht bekommen wird.

Unerwartete Reaktionen  

Nach dem Überfall konnte er zunächst nicht schlafen. Ich lasse mir den Abend genau schildern. Seine Frau, so berichtet er, wollte zu Bekannten gehen. Wobei er ihr durchaus zuredete, aber im Grunde genommen wollte, dass sie bei ihm bliebe. Als sie weg war, ging es ihm sehr schlecht. Schließlich sieht er fern und trinkt Alkohol. Als seine Frau zurückkommt, spricht er nicht über seinen Zustand. Im Bett fühlt er sich sehr allein, traut sich aber auch nicht, um Hilfe zu bitten. Seiner Frau hatte er nichts von der Todesangst und dem Gefühl der Hilflosigkeit bei dem Überfall berichtet. Bei dem Ereignis selber hatte er gestochen scharfe Bilder mit der Videokamera gemacht, so dass allerbeste Fahndungsfotos verbreitet werden können. Seine Kolleginnen und Kollegen in der Zweigstelle hatten aber von dem Überfall gar nichts mitbekommen. Er selbst war mit einer Pistole bedroht worden.

Reinhard kann nicht mehr. Eigentlich wollte er mit der Geschichte allein fertig werden. Von seinen Vorgesetzten war er gelobt worden, weil er alles richtig gemacht habe. Nun berichtet er, dass am Tag nach dem Banküberfall eine Kundin zu ihm kam. Dabei wird ihm heisser und heisser. Er reagiert so fahrig und unkonzentriert, dass er die Kundin nicht weiter bedienen kann. Ihm sei speiübel gewesen. Reinhard, so berichtet er, kannte die sympathisch wirkende Kundin seit längerem. Er weiß, dass sie immer größere Geldbeträge einzahlt. Als er den Vorgang des Zählens noch einmal genau schildert, berichtet er, dass oben auf ihrem Geldstapel Zweihundert-DM-Scheine lagen. Ich sage ihm meine Vermutung, dass irgendwo eine Verbindung, gewissermaßen ein »Link« zu dem Überfall vorhanden sein muss. Sofort berichtet er, dass er bei dem Überfall mehrere größere Geldstöße herüberschob: Es handelte sich um 200 DM-Scheine.

Stress und die Folgen  

Simone erlebt gerade ihre erste Liebe. Sie möchte vorankommen. In ihrer kleinen Zweigstelle kennt man sich. Da hält sie es zunächst für einen Scherz, als der Mann eine ältere Kundin in den Arm nimmt und sie bedroht. Als sie dann doch den Ernst der Lage erkennt, hat sie Mitleid mit der Kundin. Sie möchte alles tun, um sie aus der misslichen Situation zu befreien. Bis dahin meint sie noch, normal zu reagieren. Doch die Situation kippt für sie, als der Täter vor ihrer Kassenbox steht und sie selbst mit der Waffe bedroht. Sie sieht in dem Moment weder die Kundin noch den Täter, dessen Augen sie gerade noch als stechend und bedrohlich empfunden hatte. Nur den Lauf der Pistole sieht sie. Er schreit sie an – was sie als besonders schlimm erlebt und sagt, sie solle keinen Alarm auslösen; er würde sie kennen. Doch Simone hatte bereits die Alarmanweisungen umgesetzt. Jetzt fühlt sie sich hilflos, alleingelassen. »Ich hatte Todesangst.« Sie erstarrt, weint und nimmt ihren Kopf in die Hand und macht sich so ganz klein. Wie der Täter die Bank verlassen hat, kann sie nicht sagen.

»Ich muss in dem Moment aschfahl geworden sein.« Manuela sieht, nachdem die Täter in die Bank gestürmt waren und sie bedroht hatten, ihren Kollegen und erschrickt: Der gibt das Geld nicht raus, denkt sie. Will den Helden spielen und ihr zeigen, wie man cool handelt. Sie hat Angst, dass er etwas Unbedachtes tut. Es ist ihr zweiter und sein erster Überfall. Sie spürt, dass sie nervöser und gefahrenbewusster reagiert. Sie fühlt sich noch elender als beim ersten Mal. Da hatte ihr der Täter die Waffe an die Schläfe gehalten. Als ihm die Pistole aus der Hand fiel wollte sie eigentlich drauftreten, aber sie war wie gelähmt. Nur langsam fiel später die Erregung von ihr ab. Noch heute schämt sie sich für ihre Reaktion. Doch der Kollege tut noch immer nichts. »Jetzt will er mir zeigen, wie man auch in einer solchen Lage cool und handlungsfähig bleiben kann. Ewigkeiten vergehen, bis er die Geldbündel in die Plastiktüte steckt.

Am schlechtesten scheint es Manfred zu gehen. Er arbeitet als Zweigstellenleiter. Nur stockend kann er auf sein Problem beim Nachbereitungsgespräch aufmerksam machen: Weil er vom Überfall gar nichts mitbekommen hat, weiss er nicht, was er jetzt sagen soll. Als er berichtet, dass er nur weiß, dass die Täter plötzlich in der Bank standen, bekommt er einen hochroten Kopf. »Am liebsten möchte ich jetzt hinausgehen.« Nachdem er beschrieben hat, was in ihm vorgeht, beginnen alle mit einer kurzen Entspannungsübung. Dabei bekommt er einen Krampf im Oberarm. Atemübungen helfen ihm, allmählich ruhiger zu werden.

»In der letzten Zeit hatte ich viel Stress. Oft fühlte ich mich überfordert«. Er fühlte sich von der Kollegin Nicole allein gelassen, die sich öfter zurückziehen würde, um private Telefonate zu führen. Er hatte sich für heute vorgenommen, sie darauf anzusprechen. Dann sei auch noch ein Kunde gekommen, der ihn genervt habe. Nach Dienstschluss würden Bekannte kommen, die ihm bei der Renovierung der neuen Wohnung helfen wollten. Manfred fühlt sich handwerklich unbegabt und musste sich deshalb öfter Hänseleien seiner tüchtigen Verwandtschaft gefallen lassen. »In den letzten Wochen habe ich überhaupt unruhig geschlafen. Auch in der Nacht vor dem Überfall«. Er versucht, seine Arbeit am Tag danach in den Griff zu bekommen. Doch er kann nichts essen. »Ich löffelte schließlich einen Joghurt, weil der so schön rutscht.« Auf einer Stress-Skala von 0-10 ordnet er sich vor dem Überfall bei der 8 ein. Als die beiden Täter in die Bank stürmen, spürt er Todesangst, wobei er Mühe hat, das Wort auszusprechen. Die tödliche Bedrohung geht für ihn von dem 1. Täter aus, der weiter entfernt ist. Manfred will hinauslaufen, wird aber durch einen 2. Täter, der plötzlich vor ihm steht, daran gehindert. Er muss sich jetzt auf den Boden legen: »Da fühlte ich: jetzt ist es aus.« Dann reißt sein Film.

Kommunikationsstörungen  

Es hatte eine Schießerei gegeben. Im Eingangsbereich der Zweigstelle liegt ein Toter in einer Blutlache. Ein herbeigeeiltes Vorstandsmitglied macht sich Luft und herrscht eine Mitarbeiterin an, die die Schießerei miterlebt hatte: »Nun holen Sie doch endlich mal was zu trinken.

»Das mag hier ein Einzelfall oder ein Ausrutscher sein. Doch der Umgang mit Überfallopfern ist zu allererst eine Frage an die kommunikative Kompetenz von Vorgesetzten und Kollegen. Die Feststellung: »Zum Glück ist ja nichts passiert« erweist sich als fatal. Fatal deshalb, weil der Betroffene erfährt, dass die Definitionsmacht wieder einmal nicht bei ihm, sondern bei dem Vorgesetzten, dem Kollegen oder irgendeinem anderen liegt. Das deckt sich mit dem Gefühl des Überfallenen, dass nicht er der Herr des Geschehens war und dass er sich gerade nicht in der Hand hatte. Was mit ihm genau passiert ist, könnte er im Moment gar nicht so genau beschreiben. Sollte er wider Erwarten doch Signale aussenden, dass er die Bemerkung nicht versteht, macht eine nachgeschobene, rechtfertigende Erklärung: »So habe ich es auch wieder nicht gemeint«, die Sache eher noch schlimmer. Der Betroffene merkt erneut, dass es nicht um ihn und sein Erleben geht. Aber möchte er eigentlich im Mittelpunkt stehen? Eher nicht. Am Ende steht der Rückzug. »Alles klar«, wird er in den nächsten Tagen auf die Frage antworten, wie es ihm denn geht.

Fragen sind oft Ausdruck von Hilflosigkeit. Was soll denn eine Mitarbeiterin wie Cordula auf die Frage des Vorstandsmitgliedes antworten: »Warum haben Sie denn das Geld herausgegeben?« Sie hört nur die darin enthaltene Unterstellung: «...wo Sie doch hinter der Glasscheibe in Sicherheit waren.« Über ihre Ängste zu sprechen wagt sie nicht.»Aber was soll ich dann sagen?« Die Frage des Bereichsleiters in dem Seminar für Führungskräfte klang hilflos. Die Antwort lautete in dem Fall: »Nichts. Hören Sie zu. Lassen Sie Ihren Gesprächspartner spüren, dass Sie ihm nahe sein möchten. Scheuen Sie sich nicht, dem auch körperlich Ausdruck zu geben.«

Fatale Folgen  

Als eine Bank am Vormittag eines 22. Dezembers überfallen wurde, bestand der Vorstand unter Hinweis auf die besondere Situation in der Vorweihnachtszeit darauf, dass die Filiale am Nachmittag mit dem gleichen Personal wieder geöffnet wird. Darunter befand sich eine Mitarbeiterin, die zum zweiten Mal von einem Täter mit vorgehaltener Pistole bedroht wurde. Als man ihr anheim stellte, doch nach Hause zu gehen, wenn sie sich nicht in der Lage sehen sollte zu arbeiten, lehnte sie ab. »Im nächsten Vierteljahr ist bei uns nichts gelaufen«, erklärte der Zweigstellenleiter in einem Seminar. Auf Nachfrage meinte er ergänzend, dass der Bank so ein Schaden von weit über 100 000 Mark entstanden sei.

Grundsätzlich gilt es den »EE«, so Fach-Terminus, die high expressed emotions herunter- zufahren. Sie können normalerweise etwa durch Kritik, Ärger, Überengagement usw. entstehen. High expressed emotions können aber auch provoziert werden. Insbesondere nach besonders belastenden Ereignissen, auf die die Betroffenen mit einer gesteigerten Vulnerabilität (Verwundbarkeit) in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen reagieren können. Dabei kann es zu besonderen Belastungsszenarien kommen. So sagte ein Überfallopfer: »Der erste Arbeitstag nach dem Überfall war schlimmer als der Bankraub selbst.«

Elke weiß noch genau, was ihr erster Gedanke war: »Nicht schon wieder. »Fünf Wochen danach wird die Filiale erneut überfallen. »Der Täter kam auf mich zu.« Du hast 15 Sekunden Zeit, die Kassentür aufzumachen«. In ihr breitet sich panikartig das Gefühl aus, nichts machen zu dürfen. Sie spürt, dass ihre Selbstbestimmung weg ist. Sie spürt die Waffe an ihrem Hals... »Plötzlich fiel sie dem Täter herunter. Ich wollte zuerst drauftreten. Aber es ging nicht«.

Anschließend kam kein Vorstand, sie fühlte sich mutterseelenallein. Ihre eigene Reaktion hat sie zutiefst erschreckt: »Ich habe tierisch gelacht. Alle müssen mich für bekloppt gehalten haben.« Sie hat das Gefühl, jeden Halt verloren zu haben. Sie spürt nur noch eine große Leere. Was sich bei ihr geändert hat? »Ich bin empfindsamer geworden. Viel öfter als vorher fühle ich mich müde und schlapp.« In der Dunkelheit spürt sie Beklemmungen. Sie findet es komisch, aber ihre Arbeit macht ihr trotzdem Spaß. Sprachlos hat sie allerdings ein Kollege gemacht, den sie bisher ganz lustig gefunden hatte. »Na, war dein Fanclub wieder da?« Wie von Kolleginnen und Kollegen über das Ereignis gesprochen wird, entscheidet wesentlich, ob die Verarbeitung gelingt oder scheitert. In der Umgangssprache schlägt sich die Unternehmenskultur des Hauses nieder. Vorgesetzte, die Sprache frei floaten lassen, stehen über kurz oder lang vor der Notwendigkeit von Wertberichtigungen. Die moralischen erweisen sich jedenfalls langfristig als besonders schmerzhaft. Die Unterstützung der Versicherungen erfolgt manchmal noch in ausgefahrenen und bürokratischen Gleisen. Da wird nach einem Überfall ein Mitarbeiter zu einem klinischen Therapeuten verwiesen, der ihn sofort stationär aufnimmt. Zwei ebenfalls betroffene Mitarbeiterinnen werden dagegen an einen ambulant arbeitenden Therapeuten verwiesen. Der ist auch einfühlsam, hat aber pro Woche jeweils nur eine Stunde (exakt 50 Minuten) für die beiden Zeit. Vier Monate waren die Mitarbeiterinnen krank geschrieben. Wobei ihr Arbeitsausfall für die Bank noch zu den geringeren Folgen gehörte.

Thomas v. Aquin

Unter allen Leidenschaften der Seele bringt die Trauer am meisten Schaden für den Leib