Bilder von links nach rechts:

    Epiktet, 50-138
    Gottfried W. Leibniz, 1646-1716
    Arthur Schopenhauer, 1788-1860
    Alice Schwarzer geb. 1942

Das weibliche Gesicht des Stress erkennen

Ob Stress unisex ist? Jedenfalls drängt sich der Eindruck auf, wenn man die Ratgeberliteratur und die Programme der Seminaranbieter durchblättert. Im besten Falle liest man von Veranstaltungen, in denen Frauen ein geschützter Raum für die Erörterung ihrer Probleme angeboten wird. Was hier gut klingt hat im besten Fall die Qualität eines Girlcamps oder eines Reservats für gefährdete Arten. Andererseits hört man immer wieder: Frauen reagieren in vielen stressträchtigen Situationen anders als Männer.

Je länger je mehr bin ich der Überzeugung, dass die Unterstellung Stress sei unisex, grottenfalsch und schon im Ansatz verkehrt ist. Am Anfang waren die Ratten. Jedenfalls in der Stressforschung. Denen spritzte der kanadische Forscher Hans Selye ein Drüsensekret. Er wollte herausfinden, wie die Tiere darauf reagieren. Wie in der seriösen Forschung üblich, bildete er zwei Gruppen. Die eine bekam das Präparat injiziert und die andere normales H2O. Das Ergebnis machte Weltgeschichte. Beide Populationen zeigten die gleichen Deformationen an ihren inneren Organen. Selye nannte das beobachtete Phänomen Stress. Ein Begriff, der von da an Karriere machte; ursprünglich ist er in der Geologie, der Festkörperlehre und Versuchsforschung zu Hause. Von dort hat ihn Selye entliehen.

Irgendwann allerdings fragte ich mich, ob Selye eigentlich zwischen weiblichen und männlichen Ratten unterschieden hat. In den entsprechenden Berichten fand ich dazu keine Hinweise. Seitdem sehe ich genau hin, wenn ich von Versuchen mit Ratten oder Mäusen lese. In keinem der mir bekannten Fälle wurde eine entsprechende Differenzierung in männlich und weiblich vorgenommen.

Ein US-Amerikaner namens Robert M. Sapolsky hat ein lesenswertes Buch mit dem schönen Titel »Warum Zebras keine Migräne kriegen. Wie Stress die Menschen krank macht« (1994) geschrieben. Der Mann ist Professor für Biologie und Neurologie in Stanford und arbeitete länger am berühmten Institut für Primaten-Forschung in Nairobi. In der Serengeti hat er an frei lebenden Pavianen geforscht. Dabei kam er zu bemerkenswerten Ergebnissen: Das Stressverhalten ist abhängig von der hierarchischen Stellung der Affen in ihrer Herde.

Sapolsky beobachtete nicht nur das Verhalten der Tiere, sondern er untersuchte auch das Blut der Paviane auf Stresshormone. Die fand er reichlich. Jedenfalls bei den männlichen Tieren. Der Forscher wollte auch Untersuchungen an weiblichen Affen vornehmen, unterließ das dann aber. Dazu hätte er auf sie schießen und mittels eines Präparates betäuben müssen. Da aber, so berichtet er, die überwiegende Zahl der weiblichen Tiere entweder schwanger waren oder den Nachwuchs säugten, unterließ er das. Was ihn nicht hinderte, generelle Aussagen über das Stressverhalten von Affen schlechthin zu machen. Mit seinen Ergebnissen wird bis heute vielfach gearbeitet. Auch in Seminaren, die von Betrieben und Verwaltungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veranstaltet werden. Da wird wie selbstverständlich vom männlichen Stressverhalten als allgemein gültig ausgegangen.

Um noch kurz bei den Primaten zu bleiben: Die Schimpansenforscherin Jane Goodall beschrieb unter ihnen ein Verhalten, das man als Krieg bezeichnen muss. Getragen von einer »inhärenten Affinität« (so der Soziobiologie Eckart Voland) zur Gewalt verfolgen männliche Gruppenmitglieder mit offensichtlicher Tötungsabsicht eine andere Population. Dabei gehen sie mit äußerster Brutalität vor. »Es geht nicht, wie sonst im Tierreich, um die bloße Vertreibung der Konkurrenten, sondern um deren unbarmherzige Vernichtung« (Voland). Doch an den Vernichtungskriegen beteiligten sich praktisch ausschließlich männliche, nie weibliche Schimpansen. Dass lässt auf eine abweichende hormonelle Steuerung und ein daraus resultierendes anderes, angeborenes Verhaltensrepertoire schließen. Das wiederum erlaubt Rückschlüsse auf unterschiedliche Stressreaktionen und differentes Stressverhalten. Was sich auch beim homo sapiens zeigt. Kaum ein Kundiger bestreitet, dass Männer aggressiver sind oder ihre Aggressionen weniger zügeln als Frauen.

Gottfried W. Leibniz

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