Stress & KommunikationZum Begriff Stress

Zum Begriff Stress

Der Begriff »Stress« (engl. Druck, Kraft, Spannung) entstammt ursprünglich der Geologie. Dort bezeichnet er einen einseitigen, gerichteten Druck bei tektonischen Vorgängen. Techniker kennen den Begriff auch aus der Werkstoffkunde wie der Festkörperlehre. Hier wird er allgemein für den Zustand von Material verwendet, das unter Zug oder Druck steht. Auf den medizinischen Bereich übertragen wurde der Begriff Stress durch den kanadischen Mediziner Hans Selye.

Ausgangspunkt Selyes waren endokrinologische Experimente (Forschungsgegenstand der Endokrinologie sind Drüsen). Er stellte fest, dass bei starken Umweltbelastungen wie zum Beispiel Hitze oder Kälte der Organismus eine unspezifische Alarmreaktion zeigt. Bei weiteren Untersuchungen wurde entdeckt, dass diese unspezifische Reaktion durch sehr verschiedene Ereignisse ausgelöst werden kann. Als Stress bezeichnet Selye die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn gestellte Anforderung. Der Forscher ging von einem neutralen Stressverständnis aus. Er spricht von Stress, wenn der Körper auf einen Reiz mit Aktivierung reagiert.

Selye gewann seine Erkenntnisse durch Versuche mit Ratten. Die fixierte man z. B. so auf Brettern, dass sie sich nicht bewegen konnten. Mal rasierte man zusätzlich auch noch ihre Haare. Als man sie dann sezierte, stellte man an ihren inneren Organen erhebliche Deformationen fest. Natürlich kann man fragen, ob und wie die Ergebnisse auf den Menschen zu übertragen sind. Daran haben sich vor allem Psychologen abgearbeitet. Sie entwickelten die unterschiedlichsten Stresstheorien, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll.

Für unseren Zusammenhang ist zu klären, ob man unter Stress das von außen wirkende Ereignis versteht (Stressor) oder die Reaktion des Organismus darauf. Das bleibt in der Schwebe; manche flüchten sich in ein sowohl als auch. Doch das führt nicht weiter.

Das Problem ist der inflationäre Gebrauch des Begriffs Stress. Da sagt der Angestellte zu seiner Frau am Abend: »Mein Gott, war das heute ein Stress«. Er will wohl sagen, dass er sehr viel Arbeit hatte. Die muss aber nicht zwangsläufig eine hormonell gesteuerte Alarmreaktion des Organismus bewirken, die den Körper nur noch mit den Automatismen von Flucht oder Angriff reagieren lassen.

Weiter ist er Begriff Stress ist von Anfang an mit dem der Krankheit kontaminiert. Selye selbst versuchte sich später aus dem Dilemma zu befreien, in dem er von Eustress und Disstress sprach. In meinen Augen ist das eine Mischung von Holzweg Sackgasse.

Alice Schwarzer

Ich glaube nicht, dass Männer von Natur aus aggressiv sind. Was sie aggressiv werden lässt, ist Macht, zuviel Macht.