Berufs- & ArbeitsethikEthos, Ethik & Moral - eine einführende Skizze

Ethos, Ethik & Moral - eine einführende Skizze

»Erkenne die Lage! Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen« rät der Arzt und Dichter Gottfried Benn. Das ist der Ausgangspunkt.

Während des 1. Weltkrieges führte der französische Philosoph und Dramatiker Jean-Paul Sartre ein Tagebuch. In unterschiedlichen Situationen fragte er sich stets: »Was tue ich hier?« Das blieb auch später seine beharrlich wiederkehrende Frage in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen.

»Was tue ich hier« ist eine hervorragende, wenn nicht die ethische Leitfrage. Ethos, Ethik haben zusammen mit Ethologie den gleichen griechischen Wortstamm. Ethologie ist die Verhaltensforschung, also das Forschungsgebiet, auf dem es weiland Konrad Lorenz mit seinen berühmten Graugänsen trieb. Ethos und Ethik haben es mit Verhalten zu tun. Tierisches Verhalten ist durch Triebe und Instinkte gesteuert. Obwohl der Mensch zu den höheren Säugetieren zählt, ist das bei uns Menschen nicht so. Jedenfalls nicht durchgängig. Der Mensch ist, so der Biologe Arnold Gehlen, ein »instinktunsicheres Mängelwesen«. Um diesen Mangel auszugleichen, ist – so Gehlen – »der Mensch von Natur auf Kultur angewiesen«. Kultur ist in dem Sinne der vom Menschen geschaffene Bereich, durch den er sein Tun steuert. Dafür schuf er sich »Sitten, Bräuche Gewohnten« – auf gut Griechisch: Ethos. Die Römer übersetzten den Begriff mit mores, woraus unsere »Moral« wurde.

In der aktuellen Debatte werden die Begriffe Ethos, Moral, Ethik in unterschiedlicher Bedeutung verwandt. Manchmal auch gedoppelt, z.B. in der Kombination »ethisch-moralisch«. Verbindliche Begriffsklärungen bleiben schwierig. Der portugiesische Ethiker Fernando Savater (»Tu, was du willst. Ethik für Erwachsene von Morgen, Campus 1993), dem wir uns hier anschließen wollen, heilt es so: »Auch wenn ich von »Moral« und »Ethik« oft so spreche, als wäre das ein und dasselbe, haben beide Begriffe strenggenommen nicht die gleiche Bedeutung. »Moral« ist die Gesamtheit der Verhaltensweisen und Normen, die Du, ich und andere in unserer Umgebung als gültig anerkennen; »Ethik« ist die Reflexion darüber, warum wir sie als gültig ansehen, und der Vergleich mit der Moral anderer Personen. Aber hier benutze ich das eine oder andere Wort unterschiedslos weiter, immer im Sinne der Kunst des Lebens.«

Auch der Begriff »Kultur« ist schillernd. Gewöhnlich denkt man bei Kultur zuerst an Museum, Theater, Oper, Jazzfestivals – oder auch an den berühmt-berüchtigten Kulturbeutel. Dieses Verständnis von Kultur ist zu eng. Eine einschlägige Definition wurde vom Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham/GB entwickelt. Danach ist mit Kultur die besondere und distinkte Lebensweise, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen, in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind, gemeint. Ohne die, das ist deutlich, können wir nicht überleben. Oder höchstens als Kasper Hauser.

Was unter den Stichworten Ethos, Moral und Ethik festgehalten und diskutiert wird, lässt sich moderner etwa so ausdrücken: Es geht um Werte, Normen und religiös-philosophische Lernmodelle, die wiederum durch das kulturelle Gedächtnis der Stämme und Völker weitergegeben wurden. Zugespitzt könnte man anfügen: Ethos war das alte Steuerungsmodell. Doch »Sitten, Bräuche, Gewohnheiten« – um bei der Übersetzung gleich den Plural zu benutzen – wandeln sich und können deshalb auch in einem bewusst gestalteten Prozess verändert werden. Das alles gilt für den Einzelnen wie für Gruppen. Und natürlich auch für Firmen, Organisationen und Unternehmen. Werte und Normen wachsen, blühen, verkümmern, sterben ab und bilden sich neu. Über diesen Prozess denkt die Ethik im Allgemeinen und die Unternehmensethik (s.u.) im Besonderen nach.

Aufgrund unserer biologischen Disposition benötigen wir ein Ethos und unterliegen dem Zwang Ethik betreiben zu müssen. Wenn nicht explizit dann doch implizit. Eben weil wir Menschen sind. Wir können, ja wir tun gut daran uns die Frage stellen: »Was tue ich hier« Ich kann innehalten, nachdenken, Abstand gewinnen, Irrtümer eingestehen bzw. abstellen sowie Handlungsalternativen überprüfen. Weiter kann ich nachschauen, wie man sich früher aufgrund welcher Normen und Werte entschieden hat und fragen, ob die ins Auge gefasste Maßnahme auch den Erfordernissen der Zukunft und anderer Parameter gerecht wird. Psychologie und Soziologie können uns darüber informieren, was denn ist. Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann (gest. 1998) wusste: »Man kann nicht eine soziologische Gesellschaftstheorie an die Stelle setzen, die eine Ethik einzunehmen hätte. Das wäre nicht zuletzt für die Soziologie selbst unakzeptabel. Wenn Ethik eine Reflektionstheorie der Moral sein und bleiben soll..., muss sie sich selbst an den Code der Moral binden, sich also selbst dem binären Schematismus von Gut und Schlecht unterwerfen; sie muss selbst etwas Gutes und nichts Schlechtes wollen, während es der Soziologie auf Wahrheit bzw. Unwahrheit ihrer Aussagen ankommt«. Wenn Soziologie, so Luhmann, Wissenschaft sein möchte, dann unterliegt sie »nicht dem Moralcode, sondern dem Wahrheitscode«.

Auch hier wird die uralte Frage von Philosophie und Ethik, wie man denn vom Sein zum Sollen kommt, nicht allgemeinverbindlich geklärt werden können. Doch man kann sie wie andere unlösbare Fragen aus- und in der Diskussion halten. Es war Hans-Magnus Enzensberger, der die drei berühmten Fragen Kants (»Alles Interesse meiner Vernunft... vereinigt sich in folgenden drei Fragen:1. Was kann ich wissen 2. Was soll ich tun 3. Was darf ich hoffen?«) für unsere Gegenwart so beantwortet: »Was können wir wissen: Nichts Genaues. Was sollen wir tun: Gelassen bleiben und einigermaßen anständig. Was dürfen wir hoffen: Nichts Sicheres«. Jürgen Habermas sprach von der »neuen Unübersichtlichkeit«. Sie auszuhalten und in ihr den eigenen wie den Weg seiner Firma zu finden, bleibt die Aufgabe des Einzelnen wie die von Führungspersönlichkeiten.

Bevor hier auf das »wir« eingegangen werden soll, möchten soll auf die 1. Person Singular abgehoben werden. Nicht, weil Philosophie und Ethik traditionell mit dem Ich einsetzen. Ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Persönlichkeitsentwicklung ist, wenn Kinder ihr »Ich« entdecken uns es aussprechen. Der Philosoph Fichte holte im eine früher kostbare Flasche aus dem Keller, als sein Sohn zum ersten Mal »Ich« sagte. René Descartes zentraler Satz lautete bekanntlich: »Ich denke also bin ich«. Der Soziologe Ulrich Beck macht uns darauf aufmerksam, dass heute jeder Mensch, da die überkommenen Konventionen und Institutionen nicht mehr tragfähig sind und deshalb keine Bindekraft entfalten, sein eigenes Ich ausloten muss, um seine äußere Lage mit seinem Inneren in Einklang zu bringen (»Patchwork-Identität«). Er muss seinen eigenen Ort suchen. (Übrigens: Ethos heißt auch gewohnter Ort des Wohnens). Beck nennt das »Reflexive Modernisierung«. Ein Prozess, dem sich weder der Einzelne noch Unternehmen entziehen können.

Die Zeiten, wo man wusste, was man tut oder nicht tut, sind lange vorbei. Viktor Frankl, der Vater der Logotherapie, formulierte die Herausforderung so: »In einem Zeitalter, in dem die Zehn Gebote für so viele ihre Geltung zu verlieren scheinen, muss der Mensch instand gesetzt werden, die 10.000 Gebote zu vernehmen, die in den 10.000 Situationen verschlüsselt sind, mit denen ihn sein Leben konfrontiert«.

Die Antike fragte in Zusammenhang der Ethik, die immer praktische Philosophie war, was denn das gute Leben ist oder was es sein könnte. Der Mensch unterscheidet sich vor allem durch sein Sprachvermögen von den Tieren. Wobei die eigentliche Revolution die Entdeckung des Futurums war. Mit ihm ist unlöslich die Frage nach dem Sinn verbunden. Biologisch könnte man den Menschen als sinnorientiertes und Sinn suchendes Tier definieren. Schon hier ist festzuhalten, dass das sein stärkstes Motiv ist.

Wer im Blick auf die Zukunft lebt, ist automatisch mit der Frage nach den Folgen verbunden. Den Lateinern war ein Sprichwort geläufig, das sich noch heute am Leipziger alten Rathaus befindet: »Quidquid agis, prudenter agas, et respice finem« (was immer du tust, tue es weise und bedenke das Ende bzw. berechne die Folgen),

So gilt es auch zu reflektieren, was Ethik in Unternehmen kann und was sie nicht kann.

Für den bereits zitierten Niklas Luhmann, weltberühmter Bielefelder Systemtheoretiker, gelernter Verwaltungsfachmann und ausgewiesener Soziologe, bestand die Aufgabe der Ethik darin, vor Moral zu warnen. Moral war für ihn ein »hochinfektiöser Gegenstand, den man nur mit Handschuhen und mit möglichst sterilen Instrumenten anfassen sollte«. Luhmann beobachtete allenthalben Paradoxien: »Wenn verwerfliches Handeln gute Folgen haben kann, wie die Ökonomen des 17. und 18. Jahrhunderts uns versichern, und wenn umgekehrt die besten Absichten in Schlimmes ausarten können, wie man in der Politik sehen kann, dann stoppt die moralische Motivation sich selber«. Das gilt nicht nur für Stammzellenforschung, militärische Interventionen unter der Flagge der Menschenrechte sondern auch für den wohlfeilen Ruf nach Unternehmensethik. »Soll die Ethik«, so fragt der Systemtheoretiker »dann zu gutem oder zu schlechtem Handeln raten?«

Doch Luhmann hält es andererseits für falsch, »in einer Art Überreaktion das ganze Unternehmen Ethik für überholt zu erklären oder es, mit einer Formulierung von Diderot, auf den Tick des Moralisierens zurückzuführen«. Luhman, der nicht zuletzt auch Philosoph war, weiß: »Man kann nicht eine soziologische Gesellschaftstheorie an die Stelle setzen, die eine Ethik einzunehmen hätte«.Wobei man Acht geben muss, dass Ethik nicht zur Worthülse mutiert und zum floskelhaften Versatzstück verkommt.

Bezugs-, Haft- und Orientierungspunkt der Ethik war und ist in ihren besten Zeiten die Freiheit. Deshalb rückt jede Ethik die Frage nach dem Menschenbild ins Zentrum ihrer Überlegungen. Es wirkt prägend bis in die Niederungen es Alltags: »Das Bild vom Menschen, das wir für wahr halten, wird selbst ein Faktor unseres Lebens. Er entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und mit dem Mitmenschen, über Lebensbestimmung und Wahl der Aufgaben«, meinte Karl Jaspers (1883 – 1969 ).

Sigmund Freud

In dem Augenblick, in dem ein Mensch den Sinn und den Wert des Lebens bezweifelt, ist er krank.